Ana – Der Kurs war ein riesengroßes Geschenk

Seit 2009 ist Ana eine „waschechte Wahlberlinerin“. Serbien, Kroatien, Italien, Österreich und Deutschland – das sind die wesentlichen Stationen ihres Lebens. Sie ist keine Getriebene und kein Flüchtling – sie ist einfach offen, wissbegierig und kulturell interessiert.
In den 80ern studierte sie in Belgrad Sprachen, erarbeitete sich nebenbei als Fremdenführerin im kroatischen Dubrovnik das Geld für zwei Semester Intensivsprachschule in Rom. Nach ihrem Abschluss als diplomierte Übersetzerin für Serbisch, Italienisch und Englisch reiste sie nach Wien. Der Urlaub wurde zu einem einjährigen Gast-Studium an der Filmakademie und ermöglichte den ersten Kontakt mit der deutschen Sprache, die sie faszinierte. Gern wäre sie in Wien geblieben und hätte ihre visuelle, künstlerische Seite weiter entwickelt. Diese hatte ihr der Großvater hinterlassen, ein Kunstliebhaber, der Ana als Kind gern in Theater und Konzerthaus mitnahm.
Doch familiäre Ereignisse zwangen sie zurück nach Belgrad. Dort suchte sie weiter die Nähe zum Film und arbeitete als Dolmetscherin an Filmsets, wo sie ihre Sprachkompetenz und die künstlerische Leidenschaft kombinieren konnte.
Es waren fast immer Menschen, über die sie an neue Orte und in neue Länder kam. Eine Flohmarktbegegnung in Wien führte zum Gaststudium, der Tod des Vaters brachte sie zurück nach Belgrad, über eine Freundin lernte sie ihren jetzigen Mann kennen. Einen deutschen Ingenieur, der in Serbien arbeitete und der nach vielen gemeinsamen Reisen ihrer Liebe für Berlin nachgab und aus Serbien wieder in seine Heimat Deutschland zog. „Ich habe mich so in Berlin verliebt!“, strahlt Ana während des Gespräches, so sehr, dass man zu verstehen beginnt, warum sie 2009 ihr eigenes Übersetzungsbüro und der Mann seine Arbeit in Belgrad aufgegeben hat.
Der geplante Neuanfang als Szenenbildnerin scheiterte an fehlenden Zertifikaten. In Serbien und Kroatien hatte es immer die Möglichkeit gegeben, sich auch in einem nicht offiziell erlernten Beruf zu beweisen. Einen Einstieg nur über die eigene Kompetenz zu finden. Dass dies in Deutschland nicht möglich war, überraschte Ana. Ihr Studium in Wien und ihre Affinität zum Film galten hier nichts. Ihr Alter und ihre Herkunft minderten die Aussichten noch stärker.
„Ich bin unglücklich, wenn ich nichts tue“, sagt sie. Also suchte sie sich Beschäftigungen, wollte auch ihre Deutschkenntnisse erweitern. Einen Kurs bei dem Bildungs- und Beschäftigungsträger Goldnetz gGmbH empfand sie als „ein riesengroßes Geschenk. Allein die Tatsache, dass ich jeden Tag Deutsch gehört, gesprochen und geschrieben habe, hat mich unglaublich weitergebracht“. Sie gerät ins Schwärmen über die deutsche Verfassung und Artikel 1 des Grundgesetzes: „Sehen Sie, ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ – ist das nicht unglaublich, dass ein Staat das als obersten Leitspruch wählt? Das ist doch großartig!“. In ihrer Begeisterung erzählt sie auch von ihrer Überzeugung, dass Bildung aus uns bessere Menschen mache, dass es entscheidend sei, dass wir unseren Horizont immer wieder erweitern.
So wie Ana im Gespräch, nahm auch ihr Leben mit der Weiterbildung wieder neuen Schwung auf. Mit einem Businessplan, ihren Zeugnissen, Empfehlungsschreiben und Kundenreferenzen aus ihrer früheren Selbständigkeit musste sie ihren Sachbearbeiter nicht lange überreden. Sie hat nun ihr eigenes Übersetzungsbüro. Es heißt: „Horizont“.
Bleibt ihr zu wünschen, dass genug Zeit für ihre Leidenschaften bleibt: kochen, fotografieren – und durch ihre Wahlheimat Berlin zu spazieren.