Astrid „Ich fange neu an!“

Astrid, 33, Mitarbeiterin im Dunkelrestaurant

 

Astrid ist 33, verheiratet, hat direkt nach der Schule eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolviert, wohnt mit ihrem Mann in Karow in einem kleinen Häuschen und war bereits gastronomische Leiterin eines Dunkelrestaurants in Berlin. Seit Januar geht sie nochmal zur Schule.

Wer sie sieht, der beginnt zu ahnen, warum sie das tut: eine energische, zierliche Frau mit langen Haaren, Berliner Schnauze und einer – wie man es neudeutsch nennen würde – hands-on-Mentalität. Altbackener formuliert, schwingt ein anpackendes: „Wo steht´s Klavier?!“ mit, wenn Astrid den Raum betritt. Sie redet schnell, viel, oft lachend und gestenreich.

Ihre energische Art braucht sie – denn ihr Gegenüber ist in der Regel damit beschäftigt, sich ihre Augen anzusehen, ihr möglichst viel abzunehmen und Dinge aus dem Weg zu räumen. Man könnte sagen, wegen der erfahrungslosen Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen verpufft mehr als die Hälfte von Astrids Energie auf dem Weg zum Ziel. Sie sind abgelenkt. Die junge Frau ist von Geburt an zu stark sehbehindert. Für sie selbst ist das kein Problem. Aber sie selbst kennt die Reaktionen der Arbeitgeber: „Die Wenigsten setzen jemanden an den Empfang, der so aussieht wie ich“.

Aber von vorn. Astrid geht auf eine Sehbehindertenschule, der Weg ist vorgezeichnet: nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung in einem der Berufsbildungswerke in der Republik. „Ich musste mir über meine Berufswahl keine Gedanken machen“, aber gleichzeitig stehen ihr so bestimmte Türen nicht offen. „Ich bin zum Beispiel sehr sprachbegabt. Das hatten die aber gerade nicht im Angebot. Vielleicht wär ich ja auch gern Fremdsprachensekretärin geworden“. Stattdessen die kaufmännische Ausbildung. Anschließend ein Jahr Arbeitslosigkeit. Dann der Quereinstieg ins Dunkelrestaurant, der sich ergibt, weil ein Arbeitgeber mal direkt nach Menschen mit Sehbehinderung sucht.

Dort steigt sie schnell auf. 2002 beginnt sie als Kellnerin im Dunklen, wird zwei Jahre später Teamleiterin im Service und 2005 ist sie schließlich Leiterin des gastronomischen Bereiches. „Wir haben alle improvisiert und viel gelernt, dabei aber ein funktionierendes System geschaffen“, sie spricht über die Abläufe, kaufmännischen Aufgaben, das Organisatorische und über das angenehme Gefühl, wenn einem mal jemand was zutraut und man sich nicht ständig erklären muss. Aber etwas fehlt ihr, Astrid will Veränderung.

Sie beginnt wieder, sich zu bewerben. Sie stellt fest, dass sie zwar „jetzt erfahrener und qualifizierter“ ist,  „ aber die Barrieren immer noch dieselben“ sind. Sie wird gar nicht erst zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und fühlt sich erinnert an die Arbeitslosigkeit nach der Ausbildung: „Du kommst da total motiviert raus und willst in die Welt hinaus wie alle anderen auch – und dann wirst du ausgebremst. Das war schon übel“.

Der Sprachwunsch kommt wieder auf. Sie kann gut Wissen vermitteln: „Ich will studieren, vielleicht werde ich Lehrerin!“ – dazu muss sie das Abitur nachholen. Rückblickend sagt sie: „Für mich war es kein Makel, kein Abitur zu haben. Aber ein eigenes Kind würde ich durchs Abi prügeln – dann bliebe ihm das mühsame Nachholen erspart“.

Die Umstände sind frustrierend, aber die Pläne beflügeln Astrid. Die Reaktionen der Umgebung sind gemischt und skeptisch. Aber die junge Frau hat sich entschieden, nochmal 3 Jahre die Schulbank zu drücken und nebenbei zu jobben – im Dunkelrestaurant oder in einem Büro.

In der Schule sitzen sehr unterschiedliche Typen unterschiedlichen Alters. Die meisten sind Ende 20, Anfang 30. Sie haben sehr kurvige Biografien. „Ich bin da fast ein bisschen zu spießig“, lacht sie. Das Alter kommt ihr jetzt zu Gute: die Motivation ist da. Der Wille ist da. Und auch das Selbstbewusstsein, laut in der Klasse zu rufen „Halt! Könnten Sie bitte ein bisschen größer schreiben!“. Mit dem Beginn der Schullaufbahn hat sie auch Zeit für ein neues Hobby gefunden: sie singt in einem Chor. Das beflügelt ähnlich wie die neuen Pläne: „Ich weiß ja nicht, was da für ein Hormon ausgeschüttet wird – aber es ist wirklich viel davon!“. Es ist wirklich viel Energie, die Astrid vermittelt. Lachend.