Ausra – Ich bin jetzt wieder auf dem Weg!

Um die Bedeutung der Weiterbildung für Ausra zu verstehen, muss man sich staunend durch die vorangehenden 40 Jahre ihres Lebens führen lassen. Gleich die erste Frage führt zu tiefem Durchatmen und der Aussage: „Sehen Sie, es wird bei mir kompliziert“. Ihre Geschichte von Gasexplosionen, einer im sowjetischen Litauen inhaftierten Mutter, einer verheimlichten frühen Schwangerschaft, Migration, unglücklicher Ehe und todkrankem Partner passt so ganz und gar nicht zu ihrem energiegeladenen Auftreten. Sie ist eine elegante Erscheinung, groß, schlank, strahlend, positiv.

Mit Anfang Vierzig macht sie nun in Berlin eine Berufsschulung zur Heilpraktikerin in Psychotherapie. Es gab Zeiten, da hätte sie sich das nicht zugetraut: „Eigentlich fehlt mir die Bildung. Ein großes Problem meines Lebens. In Gesellschaft von studierten Menschen dachte ich immer: hoffentlich merken die nicht, dass ich nicht dazugehöre“

Es war das pure Leben, das immer wieder ein Ergreifen der Bildungschancen verhinderte. Als schwangere Siebzehnjährige brach sie kurz vor dem Abitur die Schule ab, denn die Mutter war plötzlich verschwunden. Ausra sorgte für ihren Bruder und dann für ihre kleine Tochter – da blieb für Schule keine Zeit. Auch als die Mutter traumatisiert aus einer Haft wiederkehrte, sorgten die Kinder für die Aufrechterhaltung des Alltags. Ausra arbeitete im Kindergarten, einer Möbelfabrik, in etlichen Pizzaläden. „Für uns eine Hungerzeit“, in der ein heimlich zugesteckter Sack Kartoffeln eine große Gabe war. „Es war so frustrierend! Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und konnte meine Familie trotzdem nicht ernähren!“.
Ein Deutscher begann, sie zu umwerben. Ab 1995 pendelte sie im Drei-Monats-Rhythmus zwischen Litauen und Köln. Zur Zerrissenheit zwischen den Ländern, ihrer litauischen Familie und dem neuen Mann kam eine weitere Schwangerschaft hinzu. Sie heirateten. Seit 2001 lebt sie mit ihren Töchtern in Deutschland. Aus der unglücklichen Beziehung befeite sie sich drei Jahre später. Von der Abhängigkeit in den vorangehenden Jahren hatte Sie sich ihren Wunsch nach Bildung aber nicht untergraben lassen.
Die deutsche Sprache lernte sie heimlich mit einem schmalen deutsch-russischen Wörterbuch – gegen den Widerstand des Mannes, der ihr Kurse verbat. „Ich dachte ich schreie gleich!“, sagt sie, wenn sie an diese und andere Erniedrigungen ihrer Ehe denkt. Die Erfahrung, endlich wieder mit Erwachsenen kommunizieren zu können und besser zu werden, beflügelte sie. Die ebenfalls heimliche Arbeit als Servicekraft bei einer älteren Dame blieb nach der Trennung ihr Ausgleich und die Dame eine wichtige Vertraute. „Aber ich war unterfordert. Ich wollte mehr. Ich wusste, dass ich Potential habe“.

Auf der Suche nach einer regulären Arbeit in Deutschland stellte sie fest, dass ohne Schulabschluss und Ausbildung, alleinerziehend mit zwei Kindern, Migrationshintergrund und 38 Jahren die Chancen mehr als schlecht standen. Eine Weiterbildung wurde ihr nicht genehmigt. Ihre Aussichten seien grundsätzlich zu schlecht. Sie besuchte auf eigene Faust Kurse, leitete eine Kindersportgruppe. Fand eine neue, glückliche Beziehung. Diese zarten Anfänge wurden 2009 unterbrochen von der Pflege des neuen Partners. Er starb einige Monate später an Krebs. Sie hatte ihn durch Operationen, Therapien und Hoffnungen bis zum Tod gepflegt. „Ich war auch ohne Vollzeitstelle voll beschäftigt. Das waren sehr harte Monate. Mit sehr harten Tagen“. Ihre andere Vertraute, die ältere Dame, war ebenfalls krank und Ausra pflegte auch sie. Mit ihrem Tod kurze Zeit später, wurde Ausra sich auf neue Weise ihres Lebens bewusst.

„Es ging dann ganz rasch weiter. Ich musste weiter. Ich wollte auch für mich leben! Ich habe gespürt, dass ich noch mehr erleben möchte!“. Ihre Flucht nach vorn führte sie in eine neue Beziehung mit ihrem jetzigen Partner und nach Berlin. Hier genehmigte man ihr auch Weiterbildungen, Deutschkurse, einen Berufsorientierungskurs. „Das hat mir dann so gut getan, das war schon fast wie eine Kur! Anerkennung, Aufgaben, eigene Ziele!“. Sie hat begonnen, für sich selbst zu sorgen, nimmt seit kurzem Gitarrenunterricht. Auf Grundlage der Weiterbildungen bekam sie einen Platz in der Berufsschule zur Heilpraktikerin in Psychotherapie. Sie lässt sich einbürgern – dafür nutzt ihr das Sprachzertifikat, das sie als erstes erwarb und das sie vorher fast nutzlos fand, denn ihr Deutsch war in den Jahren hier sehr gut geworden. „Ich bin jetzt wieder auf dem Weg“, sagt Ausra. Mit Blick auf ihre Ausbildung ergänzt sie lachend: „Jetzt kann ich die Menschen aus meinem Leben auch richtig diagnostizieren!“.