Carmen: „Bildung liebe ich“

Carmen, 52, Malerin

Was machst Du beruflich?
Ich wurde in der Theaterstadt Meiningen/hinter der Rhön geboren. Nach der Polytechnische Oberschule habe ich 1977 die Facharbeiterausbildung zur Uhrmacherin absolviert. 1988 wurde mir die Diagnose neurale Muskeldystrophie gestellt. Bis 1990 habe ich als Sekretärin in Frankfurt (Oder) gearbeitet; seit `90 bin ich in Frührente. Seit 2001 wohne ich in Berlin meiner neuen Wahlheimat.
Seit ca. 2010 bin ich autodidaktische Malerin, schreibe seit 1994 Gedichte. Auslöser war der Beginn meiner Psychoanalyse und die Bearbeitung meiner streng-politisch und missbrauchten Kindheit (tgl. politische Gehirnwäsche seitens des Stasi-Stiefvaters…). Seither besteht auch kein Kontakt mehr zur Familie.
Ich möchte den Menschen nahe bringen, keine Angst vor sich selbst zu haben. Sie sollen den Mut haben, sie selbst zu sein, losgelöst vom Über-Ich der Eltern, der kranken Moral eventueller Moralapostel oder gar Politiker/Kirche. Ich finde aber auch, dass die Menschen im Osten und Westen Deutschlands ihre Mauer in den Köpfen ablegen mögen.
Den Müttern möchte ich sagen: „Liebt eure Kinder so wie sie sind, ihr habt nur diese und dieses eine Leben: Eure Kinder sind Euer Spiegel. Gebt ihnen starke Wurzeln der Standfestigkeit und stabile Flügel, für einen sicheren Flug in ihr eigenes Leben!“.
Ganz besonders möchte ich jedoch auch den missbrauchten (physisch wie psychisch) Mädchen und Jungen, sowie Frauen und Männern sagen, dass sie nicht Schuld daran sind, was ihnen widerfahren ist!
Ich habe Lesungen und Ausstellungen in Berlin.

Was auf Deinem Weg war schwer und warum?
Alles war schwer. Die Kindheit, die Mutter, die mich nicht vor dem Stiefvater schützte, das Mobbing in der Schule, weil ich behindert war,  die Ehen, ohne zu wissen, was Liebe ist, sondern nur Missbrauch, Denunzierung, Gehirnwäsche, im Beruf ebenso Mobbing, die Stasi, die mir zu Hause einen Schnüffelbesuch abstattete.
 
Was ist Dir gut gelungen?
Es ist mir gelungen, dank Psychotherapie den Weg zu MIR zu finden, mit 33 Jahren begab ich mich endlich hin zu mir, das brachte mir den Rauswurf aus dem „Familiennest“ ein, knallhart, seit 1993 keine Eltern und Bruder mehr! Meine Söhne auch keine Großeltern!
Das Größte, was mir gelungen ist, sind meine Söhne, heute 32 und 29, mein ganzer Stolz, meine größten Lieben in meinem Leben. … jetzt kommen doch die Tränen … bin eben nicht immer stark.
Das, was mir auch gelungen ist, dass ich gut mit meinen Krankheiten (Muskelschwund, Rheuma, Arthrose) und mit meinem Rolly klarkomme 😉
 
Welche Rolle spielt Bildung in Deinem Leben?
Ich liebe Bildung, wenn ich doch nur mehr Platz hätte in meiner Wohnung, ich würde mir mehr mehr mehr Bücher kaufen und lesen, dabei lese ich erst seit 1994, vorher war mir das schnuppe, nun gut, ich hatte Kinder, ganz frisch die Diagnose Muskelathrophie.
Ja! Bildung liebe ich und ich habe sie an meine Söhne weitergegeben, Werte sind wichtig, meine Söhne bekamen Flügel und Wurzeln von  mir mit und WERTE!
 
Wer oder was hat Dir die Kraft gegeben?
Meine Söhne, eindeutig meine SÖHNE! Wären sie nicht da, hätte ich meinen Suizid-Wunsch-Gedanken in 1993 vollzogen!
 
Was rätst Du anderen in einer beruflich schwierigen Situation?
Dringend Urlaub machen, die Wohnung von allem Unwichtigen befreien = Befreiung der eignen Seele, an einen einsamen See fahren, raus aus der Zivilisation. Im Berufsleben dann zurück, zwischendurch inne halten – lachen, erzählt euch Witze in euren Büros. In Kindergärten machen sie früh einen Morgenkreis, wieso tun dies eigentlich Erwachsene nicht?
Und nun das Wichtigste, holt euer inneres Kind hervor und seid mal wieder KIND!
Springt durch Pfützen, spielt Fussball, hüpft auf eure Betten, laßt die Sau raus – scheiss egal, was andere denken, im Gegenteil, nehmt die anderen mit in die Pfütze 😉 und laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaacht
 
Was willst Du sonst noch erzählen?
Ich möchte Menschen Mut machen, ihre Traumata, egal welcher Art, zu bearbeiten, denn so lebt es sich angenehmer. Man kann sie nicht vergessen, aber umgehen lernen, sein Schicksal besser tragen zu können.