Eridirian: „La educación es un derecho. Aprovéchalo!“

„Bildung ist ein Recht. Nutze es!“

Eridirian, 37, Rezeptionsfachkraft

Eridirian arbeitet in Berlin als Rezeptionsfachkraft , steht auf eigenen Beinen, kümmert sich um ihren Sohn. Geboren wurde sie 1976 in Guantánamo, Kuba.

„In Kuba haben alle Abitur. Man muss dort in die Schule gehen“, sagt sie. Aber als sie ihr Abitur hat, ist die Lage instabil, die Perspektiven prekär. Die Liebe zum deutschen Mann, den sie mit 20 kennenlernt  nicht. Große Träume hat sie nicht, Eridirian ist pragmatisch und enthusiastisch zugleich – „in Kuba musste man improvisieren, ich hätte vieles machen wollen und können, aber wenn man noch nichts gelernt hat, muss man erstmal sehen, was überhaupt möglich ist“.

Sie geht mit ihm nach Deutschland. Es ist spannend hier, neu, faszinierend,  ohne Sprachkenntnisse und Ausbildung aber auch schwierig. „Deutsch ist eine schwere Sprache, aber ich wollte mein eigenes Leben führen“.  Die Sprache lernte sie in Kursen und vor allem bei der Schwiegermutter. „Von ihr habe ich auch viel über das Leben hier gelernt. Es war alles so schön, zum Beispiel an Weihnachten“, und ihre Augen beginnen zu leuchten. „Aber Silvester war ein Schock! Diese Knaller!“.

Sie fühlt sich ein, lebt sich ein, jobbt in der Gastronomie, bekommt 2000 einen Sohn. Die finanzielle Abhängigkeit vom Mann ist der Stachel in Eridirians Leben. „Wäre das nicht so gewesen, hätte ich vielleicht gar keinen Antrieb gehabt, mir eine eigene Arbeit zu suchen“.

2001, mit 24, beginnt sie eine Ausbildung, zur Bürokauffrau. „Ich wollte einen vernünftigen Job und nicht immer nur putzen oder kellnern.  Die Ausbildung war am Anfang die Hölle, ich habe so wenig verstanden!“. Anfangs traut sie sich nicht, nachzufragen. „Die Bürokommunikation ist wirklich eine ganz andere Sprache als das gesprochene Deutsch“, sagt sie und schnauft kurz durch. Vieles kennt sie nicht.  „Es war doch eine ziemlich neue Welt – und ich war eigentlich schon dabei, wieder auszusteigen“. Eine Kollegin im Betrieb hilft ihr. Als sie sich dabei ertappt, wie sie bei allen Punkten so lange nachhakt, bis sie alles versteht, Briefe verschickt, sich auch wehren kann, merkt sie, dass sie angekommen ist. Eridirian besteht die Prüfungen. Sie ist gelernte Bürokauffrau. Mündliche Prüfung: 1.

Sie fühlt sich selbständiger, freier, kann einen eigenen Freundeskreis aufbauen und ist nicht mehr nur vom Mann abhängig. „Ich habe mit der Geburt unseres Kindes sehr zurückgesteckt. Mein Mann war viel unterwegs, der hat sich nicht groß angepasst. Ich war praktisch alleinerziehend und habe die Ausbildung, Kitazeiten und den Haushalt alleine organisiert“.

Nach der Ausbildung beginnt die Stellensuche: „Ich dachte, ich gehe aus der Schule heraus und vor der Tür wartet ein Job auf mich“. Aber die Suche bleibt jahrelang erfolglos. Sie bewirbt sich auf alle Stellen, besonders auf die, in denen spanischsprechende Mitarbeitende gesucht wurden. Die Absagen frustrieren. „Ich hatte mir einen Film gebastelt, wie das Leben so ist: Lernen, Heiraten, Kinder, Arbeiten. Habe ich gedacht. Ich habe Deutsch gelernt, eine Ausbildung gemacht, den Führerschein – und dann ging es erstmal bergab“.

Als Mutter eines kleinen Kindes ist sie den Arbeitgebern nicht flexibel genug. Ein großer Online-Marktplatz möchte sie haben: Kundenbetreuung auf Spanisch. Sie ist begeistert. Bis man ihr mitteilt, es gäbe Spät- und Nachtschichten. Sie bewirbt sich fast zwanghaft, streicht das Kind versuchsweise aus dem Lebenslauf. „Die Suche und die Absagen haben mich psychisch massiv belastet. Ich dachte, ich hätte umsonst gelernt. Ein Freund hat mir dann gesagt: ‚Hör auf! Arbeite nebenbei was Kleines. Aber hör auf mit dieser Quälerei!‘“.

Jetzt fährt sie zweigleisig: Jobben in der Gastronomie und das Ziel einer Arbeit im Büro nicht aus den Augen verlieren. Sie lernt Wirtschaftsenglisch, um eine Chance als Fremdsprachensekretärin zu haben. 2006 will sie ihre Kenntnisse aus der Weiterbildung auffrischen und findet wieder einen Kurs, der vom Jobcenter unabhängig ist.

Dennoch arbeitet sie weiterhin in der Gastronomie. Sie hat einen Arbeitgeber gefunden, der ihr mit den Arbeitszeiten entgegenkommt, sie liebt die Szene. Aber sie hat private Probleme, die Beziehung kriselt, sie ist ausgebrannt. Bald darauf zieht sie aus der Ehewohnung aus, renoviert eine neue Wohnung mit Freunden, beschafft Geld für Materialien. Sie weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

An einem Morgen nach einer langen Abendschicht wacht sie auf und der rechte Arm ist gelähmt. „Meine Hand war tot – ich war völlig schockiert“. Sie muss zu Hause bleiben. Pause machen. Der überlastete Arm zwingt die überlastete Eridirian zum Innehalten.

Paradoxer Weise verschafft er ihr eine Arbeit: in der physiotherapeutischen Rehabilitation erzählt sie von ihrem Weg – und die Praxis sucht jemanden fürs Sekretariat. Der Chef ist Kubaner. „Es war schon ein Glückstreffer, aber wenn ich nicht könnte, was ich gelernt habe, wie wäre ich dann an den Job gekommen?“. Seit 2012 arbeitet sie Vollzeit. Sie ist unabhängig. Endlich.

„Jetzt geht´s ab“, sagt sie lachend. „Alles, was im Leben passiert, egal was, hat immer einen positiven Hintergrund“. Anderen in ähnlichen Situationen macht sie Mut: „Viele trauen sich nicht, das war bei mir auch so. Aber Bildung ist ein Recht. Wir haben hier so viele Möglichkeiten. Wir sollten sie auch nutzen!“.