Katrin – Man kann es schaffen!

Katrin ist eine Frau mit bald drei Ausbildungen, etlichen Weiterbildungen, einem Ehrenamt und vier Kindern zwischen 4 und 19 Jahren. Leise erzählt sie, wie der erste Berufswunsch an der Abiturplatzvergabe in der DDR scheiterte. Sie wollte Lehrerin werden, für Mathe und Physik. Stattdessen wurde sie Hotelfachfrau. 25 Jahre ist das jetzt her.

Seit gut einem halben Jahr arbeitet sie tatsächlich mit Kindern. Sie ist Erzieherin in einem Kindergarten und absolviert zusätzlich eine berufsbegleitende Ausbildung. In ihrem neuen Beruf geht sie auf. Zwischen Schulabschluss und Arbeit im Kindergarten lagen viele Stationen: eine Ausbildung als Hotel- und Restaurantfachfrau, später als Informatikkauffrau, ihre Flucht aus der DDR, die Geburten der Kinder, reguläre Beschäftigungen, unterbrochen von etlichen Mini-Jobs. Erwerbstätig war sie immer, ob als Buchhalterin, geringfügig beim Bäcker, an der Kasse oder als Honorarkraft in Schulen. Eine kleine, leise, fast unscheinbare Frau mit offenbar unerschöpflichen Energiereserven. Zu ihrem Weg sagt sie unaufgeregt und bescheiden: „Ja, das ist schon eine Doppelbelastung. Aber man kann es schaffen“.

Mit ihrem Mann war sie kurz vor dem Mauerfall in die BRD geflohen. Zum Ende ihrer Arbeit als Hotelfachfrau kam es Anfang der 90er Jahre, als sich eine Arbeit in der Gastronomie nicht mit der Geburt der ersten beiden Kinder vereinen ließ. Sie jobbte, verdiente etwas hinzu, der Mann übernahm die Ernährerrolle. 2000 sattelte sie um: Mit einer Ausbildung als Informatikkauffrau folgte sie ihrer Neigung für Mathematik. Katrin fand eine Anstellung. Doch Vollzeiterwerbstätigkeit und Geschäftsreisen führten nach vier Jahren zur Kündigung, als das dritte Kind geboren wurde, denn auch der zweite Beruf war mit bald vier Kindern nicht zu bewältigen. Sie nutzte die Erwerbslosigkeit erneut zur Umorientierung und erstellte mit Schulkindern als Honorarkraft eine Schul-Website, rief ihr Projekt „Schulmilch“ ins Leben und jobbte wieder. Zu den Arbeiten nahm sie die Babies mit, solange sie noch nicht im Kindergarten waren. Als Honorarkraft in Schulen entdeckte sie ein neues, altes Ziel: Arbeit mit Kindern. Der Weg dorthin: ein zweiter Wiedereinstieg. Über Weiterbildung.

Den Mut zu dieser zweiten Neueinstiegs-Entscheidung fand sie im Kindergarten des jüngsten Sohnes: „Da arbeitet ein Mann, der ist 50 und auch noch in der berufsbegleitenden Ausbildung. Da dachte ich mir, das schaffe ich auch“. Ein Zeitungsartikel über die Möglichkeit zum Quereinstieg als Erzieherin brachte sie zu Goldnetz, wo sie 2010 bis 2011 eine Weiterbildung absolvierte. So konnte sie ihren Weg in die Arbeit mit Kindern weitergehen und wurde auch fachlich anerkannt. Die Schule und die theoretischen Kenntnisse der Kurse fand sie anstrengend, aber nun helfen ihr die Inhalte in der Ausbildung weiter, die sie nach der Weiterbildung begann. „So viel Neues auf einmal lernen und arbeiten und Kinder versorgen, das hätte ich kaum geschafft. Ich bin froh, dass ich noch meine Goldnetz-Ordner im Schrank habe!“.

Die Familie stand hinter ihr, die potentiellen Arbeitgeber nicht unbedingt. Eine häufige Reaktion lautete: „In dem Alter wollen Sie das noch machen?!“. Auch der Kindergarten, in dem sie jetzt arbeitet, wollte sich die Bewerberin erst einmal genauer ansehen. Nach drei Tagen Probarbeiten bekam sie die Stelle, die Chemie stimmt, die Kollegen sind freundlich. Die Zusage war ein besonderer Moment, es bot sich wieder eine sichere Perspektive. Katrin sagt: „Ich könnte in der Kita alt werden. Es ist eine Herausforderung, wir entwickeln gerade ein neues Konzept – da kann ich gleich mitgestalten und meine Kenntnisse voll einbringen“. Ihr Ansporn sei es ohnehin immer gewesen, auch etwas für die Gemeinschaft zu tun. Und jetzt „bin ich endlich da angekommen, wo ich hinwollte!“.

Nach Träumen für die Zukunft befragt, schweigt die bodenständige, zurückhaltende Frau erst ratlos. Doch dann, ganz plötzlich: „Erst neulich habe ich zu meinem Mann gesagt, ich kaufe mir ein Motorrad wenn die Kinder größer sind und dann machen wir eine Tour durchs Umland!“. Wieder ein neues Ziel vor Augen. „Der Antrieb ist einfach immer da“, sagt sie. Und lächelt leise.