Lydia: „I am more than proud!“

Lydia, 30, Kundenservice

Lydias Familie ist über die ganze Welt verstreut: Amerika, Afrika, Frankreich, Asien. Sie spricht fließend englisch und deutsch, arbeitet, seit sie 18 ist. Sie hat zwei Kinder, war alleinerziehend, hat 10 Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Branchen, eine Ausbildung als Luftverkehrskauffrau – und sie ist zweimal zwischen Europa und Afrika hin- und hergezogen. Kann man mehr schaffen?

Aber der Reihe nach. Lydia ist 30, aufgewachsen in Berlin. Als sie 16 ist, darf sie ohne Erklärung der Mutter nicht mehr nach Hause – ein Schock: „plötzlich saß ich auf der Straße“. Sie nimmt die Beine in die Hand, sucht den Kontakt zum in Südafrika lebenden Vater und zieht Hals über Kopf zu ihm.

Sie besucht ein College, lernt dort Kinderpflegerin. Nach der Schule findet sie jedoch einen Job in der Tourismusbranche: „In Südafrika brauchen Sie keine Ausbildung – Sie gehen einfach arbeiten“. Sie arbeitet in einem Callcenter für verschiedene Airlines. Wenn sie über Südafrika redet, leuchten ihre Augen, sie ist gern dort. „Aber es ist einfach zu gefährlich“, sagt sie und wird still. Ende 2005 ist sie schwanger. Sie wird überfallen, im Krankenhaus muss die Geburt eingeleitet werden.  Sobald die Tochter fliegen durfte, bricht sie „von heute auf morgen“ zurück nach Berlin auf. Sie fühlt sich nicht mehr sicher.

Lydia lebt drei Monate in einem Frauenhaus, erhält Unterstützung bei Bewerbungen, Wohnungssuche, Möbelbeschaffung. Sie meldet sich beim Amt und ist beruhigt: „hier weiß man einfach, dass es funktioniert“. Die Kehrseite der deutschen Verlässlichkeit sind bürokratische Hürden bei der Anerkennung ihrer Arbeitserfahrung. Ohne Ausbildung gilt sie trotz mehrjähriger Berufserfahrung als „Ungelernte“ – sie findet sich in einem anderen Land wieder, in völlig veränderter Position. Stand sie in Südafrika ganz auf eigenen Beinen, berufstätig, selbständig, sitzt sie in Berlin abends manchmal zu Hause und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Allein, 22, eine süße Tochter, plötzlich „ungelernt“. Sie nimmt zwei Jahre Elternzeit. Sortiert sich. Mit 23 beginnt sie eine Ausbildung zur Luftverkehrskauffrau, Vollzeit. „Ich musste mich ja anpassen – und etwas lernen“. Kurzfristig organisiert sie eine Tagesmutter, die ihre Tochter betreut, wann immer es nötig ist, damit Lydia die Ausbildung beenden kann – auch abends, auch bei Krankheit. Ein Praktikum im Schichtdienst am Flughafen bringt die Mutter jedoch an ihre Grenzen: die Tochter wohnt monatelang bei der Tagesmutter, sieht sie nur 2 Stunden am Tag, reagiert verunsichert, kann die Abwesenheit der Mutter kaum tolerieren. „Ich dachte zwischendurch, dass ich das nicht schaffen werde, ich stand ganz kurz vor einem Zusammenbruch“, sagt Lydia rückblickend. Sie beschließt, dass sie keinen Schichtdienst arbeiten wird. Keine 40 Stunden. Das Kind tut ihr leid. Die Ausbildung schließt sie ab und findet eine Teilzeitstelle im Cargo-Bereich. „Ich war dann doch mehr als stolz!“, strahlt sie über die erkämpfte Balance.

2009, Lydia ist 26, lernt sie ihren neuen Partner kennen. Eine zermürbende Schwangerschaft mit Krankenhaus- und Kuraufenthalten führt zu vielen Ausfällen auf der Arbeit – aber die Erleichterung ist groß, als 2010 sie zweite Tochter geboren wird. „Ich hatte mir immer zwei Kinder gewünscht!“, erzählt Lydia glücklich, als sie von ihrer kleinen Familie berichtet. Nach einem Jahr Elternzeit „kam mir so der Gedanke, wenn ich jetzt nicht hochkomme, dann komme ich aus der Couch-Potato-Nummer gar nicht mehr raus“.

Lydia will wieder arbeiten. Die Arbeitsvermittlerin im Jobcenter empfiehlt Bewerbungen im Tourismusbereich – aber Lydia weiß: „Da muss man flexibel sein, ansonsten hat man Pech. Mutti-Schichten für Einsteiger? Haben die nicht!“. Stammpersonal wird Teilzeit zugestanden, aber den Neuen nicht.

Nach einem Jahr erfolgloser Jobsuche darf sie eine Teilzeit-Weiterbildung für den Bürobereich bei Goldnetz absolvieren. Mit einem energischen „hoffentlich klappt es!“ lernt sie viel über Büroarbeit. Aber vor allem merkt sie, dass sie nicht allein ist: „Da waren viele in einer ähnlichen Situation. Das hat mir neuen Mut gegeben, bei den Bewerbungen auch zu den Kindern zu stehen und zu sagen: Ich kann nur zu diesen Zeiten arbeiten, ich bin aber trotzdem qualifiziert!“. „Nach der Fortbildung ging es direkt weiter“, der Praktikumsbetrieb übernimmt sie als Elternzeitvertretung. Sie bewirbt sich bei einer Zeitarbeitsfirma, arbeitet jetzt bei einer großen Airline in Wunschschichten: „Perfekt, hier bin ich! Jetzt bin ich glücklich. Die Arbeit tut mir gut. Mir war immer wichtig, dass ich etwas mache und aus dem Haus komme“.

Ein Rest Unsicherheit bleibt – der Traum wäre eine Festanstellung, um nicht alle drei oder sechs Monate den Betrieb wechseln zu müssen. Mit Teilzeit im CallCenter kann man auch keine Familie ernähren. Aber Lydia ist trotzdem glücklich. Und stolz, dass sie gute Antworten hat, wenn die Tochter fragt, warum Mama so viel arbeiten muss. Wo das Geld herkommt – und dass Arbeit Spaß machen kann.