Maria-Luise: „Ich wollte immer mehr als eine gute Allgemeinbildung“

Maria-Luise, 71, Rentnerin

Was machst Du beruflich?
Ich bin seit 11 Jahren Rentnerin. Vorher war ich Sekretärin im Bundestag.

Was auf Deinem Weg war schwer und warum?
Ich hatte zweimal Krebs. Beides Mal war die Ursache Viren. Warum und woher sind offene Fragen.
 
Was ist Dir gut gelungen?
Meine beiden Söhne.
 
Welche Rolle spielt Bildung in Deinem Leben?
Eine wichtige.
Als meine Eltern in die Heilstätten kamen wegen Lungen-TBC war ich 15 Jahre alt und kam in ein Internat mit 10-Klassen-Abschluss. Ich wurde dann zur Bankkauffrau bei der Deutschen Notenbank beruflich ausgebildet. Seit 1968 war ich Mitarbeiterin bei der Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik, wurde übernommen ins Statistische Bundesamt und nach 1999 war ich Sekretärin im Deutschen Bundestag. Ich wollte immer mehr als nur eine gute Allgemeinbildung, hatte aber mit der Erziehung meiner Söhne voll zu tun und oft spielt das Leben eine verrückte Rolle.
 
Wer oder was hat Dir die Kraft gegeben?
Meine Eltern.
 
Was rätst Du anderen in einer beruflich schwierigen Situation?
Das Selbstbewusstsein niemals aufgeben.
 
Was willst Du sonst noch erzählen?
Mein Leben und die Musik
Als mein Vater im verschneiten Dezember 1941 meine hochschwangere Mutter auf dem Schlitten in die Geburtsklinik fuhr, wussten sie noch nicht, ob ich eine Tochter oder ein Sohn werden sollte. Den Namen des Sohnes hatten sie schon festgelegt. Ich sollte „Franz“ nach meinem Vater heissen. Es war die Zeit der Operetten und ganz bekannt war „Königin einer Nacht“: „Schön ist jeder Tag, den Du mir schenkst“. Die katholischen Schwestern in der Klinik trugen auf der Geburtsurkunde Maria-Luise statt der gewünschten Marieluise ein. So nannten mich alle nur noch kurz und einfach Ria.

Wir mussten unsere Heimat im Sudetenland im Februar 1945 verlassen. Zu meinen Eltern, meinem Bruder und mir kam auf unserer Flucht noch die 13 jährige Hilde. Als wir wegen Tuberkulose ins Krankenhaus und danach in Heilstätten kamen, war es Hilde, die sich um uns alle kümmerte.

Auf einem Trödelmarkt tauschte 1948 meine Mutter eine Flasche Primasprit gegen eine Mandoline und ich konnte in die Musikschule zum Unterricht. Das war eine gute Entscheidung, die mein ganzes Leben beeinflussen sollte. Wir lernten auch die Partien der Sängerinnen und Sänger und trellerten sie überall, wenn uns niemand zuhörte. Am liebsten sang ich: Sagt, holde Frauen, die ihr die Liebe kennt, sagt ist es Liebe, die mir so brennt.

1957 kam ich in die 10. Klasse der Internatsschule nach Kemberg. Das Internat wurde meine zweite Familie und das Schulorchester nahm mich sofort auf.

Ich lernte Bankkauffrau bei der Deutschen Notenbank in Wittenberg und fuhr zweimal in der Woche mit dem Zug zur Berufsschule nach Dessau, die im bekannten „Bauhaus“ untergebracht war. Wir hatten dort ein Theaterabonnement und ich konnte oft zu Aufführungen gehen.

1975 zog ich mit meinem damaligen Mann Dieter und den Söhnen Bernd und Ronald nach Berlin. Die Kultur war gewaltig. Seit 30 Jahren besuche ich die Konzerte des Orchesters der Komischen Oper, es ist wie eine große Familie. 

Die Musik half mir immer wieder weiter, besonders wenn ich mal ganz tief unten angelangt war. Mein aussergewöhnlichstes Musikstück ist das Adagio aus der Neuen Welt von Antonin Dvoràk. Ich verpasse auch nicht „Die Moldau“ von Smetana. Nach dem Intermezzo aus „Cavaleria Rusticana“ wollte ich immer mal heiraten. Hat nicht geklappt. Es war Memories aus „Cats“.

Meine Leidenschaft für Musik versteht auch eine langjährige Freundin. Wir gehen fast überall gemeinsam zu Konzerten, waren schon beide in Verona, in der Waldbühne und der Staatsoper. Als wir nach einer Aufführung der Zauberflöte mal nach Hause kamen, erfuhren wir von der Geburt des kleinen Katers Amadeus. Er wurde für 18 Jahre zu meinem treuesten Freund.

Auf meiner Mandoline kann ich immer noch spielen, besonders „Zum Geburtstag viel Glück“ , z.B. als unser Benni 18 wurde.