Martha – Ich wollte vom Jobcenter weg!

Der Weg von Martha ist ein Weg des Wiedereinstiegs. Ihre zwei Kinder kamen zwar nach der Ausbildung, aber immer vor der Karriere. Nebenjobs während einer fast zehnjährigen Erziehungszeit erleichterten ihr den Wiedereinstieg kaum. Sie ist gelernte Friseurin, arbeitete in ihrem Beruf, aber auch als Sachbearbeiterin oder als Service- und Reinigungskraft.
Manchmal war es frustrierend. Wenn die Chefin sich lieber neue Autos kaufte, als Marthas Stunden aufzustocken, sie sich auch mit Vollzeitstellen als angestellte Friseurin nicht voll finanzieren konnte oder das Jobcenter trotz Kindern und zwei Jobs Druck machte: „Wann sollte ich denn noch Bewerbungen schreiben? Nachts?“. Dass ihre Familie das Wichtigste war, hat sie, selbst ehemaliges Heimkind, dennoch nie bereut. „Wir hatten beide kein richtiges zu Hause“, sagt sie über sich und den Vater ihrer zwei Töchter. Das hat sie besser gemacht. Aber irgendwann reichte das erfüllte Leben mit den Kindern nicht mehr.
Wenn sie erzählt, wie das Wohnzimmer dann mit Bewerbungen von Mutter und Tochter zugepflastert war und die Tochter irgendwann resigniert sagte: „Mama, ich gebs auf. Dann kriege ich eben Hartz IV“, zieht sie schmerzvoll die Augenbrauen zusammen. Es folgt ein strahlender Blick und die erleichterte Feststellung: „Und jetzt arbeiten wir beide im Krankenhaus!“ – die Kleine als medizinische Fachassistentin, die Mutter als Stationshelferin auf der Krebsstation der Charité.
„Manchmal findet man den Weg nicht, weil er nicht geebnet ist. Dann muss man sich weiter umschauen. Aber man muss ein Ziel haben“. Ihr Ziel war nach mehreren Jahren Grundsicherung die Unabhängigkeit vom Jobcenter. Den Weg dorthin fand sie mit einer Weiterbildung bei Goldnetz gGmbH namens CHANCE. Nur eine von vier Weiterbildungen, die sie nach der Erziehungszeit absolviert hat. Nach den vorangehenden schlechten Erfahrungen war sie skeptisch. Dennoch dachte sie bei jedem neuen Anlauf: „Das könnte Früchte tragen“. Sie hat die CHANCE genutzt. Nach dem Informationsabend war sie „die Erste in der Schlange“. Die Kombination aus theoretischer Schulung und praktischer Arbeit auf der Zielstation tat ihr gut. Sie wollte – und konnte – sich beruflich beweisen. Ihre Bewerbung um die Arbeitsstelle, für die die Weiterbildung qualifizierte, gab sie ab, noch bevor der Startschuss dafür gegeben worden war. Sie traf voll ins Schwarze: die Charité übernahm sie vorzeitig.
Angesichts der umfangreichen Aufgaben auf Station waren ihre Gedanken am ersten Arbeitstag: „Das schaffe ich niemals!“. Inzwischen hat sie Routine – und gute Turnschuhe zur Bewältigung der vielen Kilometer auf Krankenhausfluren. „Ich hab auch ne ganz tolle Chefin!“, sagt sie.
Schön und bestätigend ist die Dankbarkeit der Patienten, die wieder nach Hause gehen können. Nach Wochen, in denen sie Martha ihr Herz ausgeschüttet haben und auch mal Grießbrei und Strohhalm von ihr bekamen, wenn Schluckbeschwerden zu groß wurden. „Ich war schon immer so ne kleine Seelsorgerin“, sagt sie lachend.
Sie ist eine der Frauen, die nach ihrer Odyssee durch Bewerbungen, Jobcenter und Maßnahmen sagen, sie hätten Glück gehabt. Dass sie endlich doch eine Stelle gefunden haben, wäre Glück gewesen. Ich lasse das so stehen und sehe sie skeptisch an. Sie guckt nachdenklich und sagt dann: „Ja. Stimmt. Ich habe auch nichts unversucht gelassen“.