Nadine – Jetzt habe ich eine kleine Ausbildung!

In einer bunten Wohnung in Berlin Spandau wohnt Nadine. Sie arbeitet als Pflegekraft bei einem ambulanten Pflegedienst. Ihr Tag beginnt um 5:00 Uhr morgens, um eins kommt sie von der Arbeit und holt ihre beiden Kinder aus Schule und Kindergarten ab. Gerade hat sie einen unbefristeten Vertrag bekommen. Sie ist jetzt unabhängig vom Jobcenter.

Das hat sie geschafft, obwohl sie keine Ausbildung hat. Als Nadine mit 17 keinen Ausbildungsplatz als Krankenschwester bekam, begann sie zu jobben: vier Jahre in der Produktion, Wochenschichten, gute Arbeitsbedingungen, nette Kontakte und mehr Geld, als ihre ehemaligen Klassenkameraden in der Ausbildung verdienten. „Es war eine schöne Zeit, ich habe nicht mehr gedacht, dass ich eine Ausbildung brauchen werde“, sagt sie.

Mit der Geburt der Tochter ging sie in Elternzeit. Nur zum Teil lag das an den Wochenschichten, die schwer zu realisieren gewesen wären mit einem kleinen Kind. Es war eine bewusste Entscheidung: Sie wollte für die Tochter da sein und zwei Jahre später auch für den Sohn. Der Traum von Familienzeit platzte, als der Vater der Kinder sich fünf Wochen nach Geburt des Kleinsten trennte. „Manchmal muss man die Zähne zusammenbeißen“, sagt Nadine zu dieser Zeit mit Schreibaby, Kleinstkind und plötzlichen Singledaseins.

Nach vier Jahren Elternzeit begann sie, sich zu bewerben. Sie wollte unabhängig werden: „Ich wollte den Kindern zeigen, dass es auch anders geht“. Als sie ohne Ausbildung niemand einstellen wollte, dachte Nadine: „Na war ja vielleicht doch ein Fehler… Worauf soll man sich auch als Ungelernte bewerben?“. Sie erinnerte sich an ihren ersten Berufswunsch ‚Krankenschwester’. Eine Ausbildung traute sie sich, allein mit zwei kleinen Kindern, nicht zu. Eine Weiterbildung mit Pflegebasisschein schon. Pflege – das war doch mal ein Job mit Zukunft.

2010 begann sie bei Goldnetz ihre Kurse: „Gegen den Trott in der Erziehungszeit war das ne ganz schöne Umstellung“, sagt sie. Eine Umstellung, die neue Freundschaften mit sich brachte, Fachkenntnisse, ein interessantes Praktikum. Sie lacht: „Beim ersten Mal Windelnwechseln dachte ich, das ist ja nicht mehr so wie bei den Kleinen“, und erzählt, wie wichtig die Handgriffe und Schulungen seien. „Natürlich gehört es dazu, und es ist nicht immer alles leicht. Aber die alten Menschen, die geben einem auch so viel“. Sie kämpfte mit den Tränen, als ihr erster Patient starb. „Dann habe ich mit den älteren Kolleginnen gesprochen. Denen ging es anfangs genauso. Wenn ich länger dabei bin, dann erzähle ich der Neuen auch davon, wie es besser wird!“.

Der erste Arbeitgeber war ein Reinfall. An schlechten Tagen konnte sie von einem Acht-Stunden-Tag nur drei Stunden abrechnen. Der Rest war unbezahlte Fahrzeit. Fünf Monate später hatte sie sich einen neuen Arbeitgeber gesucht: „Meine jetzige Firma ist wirklich toll! Die Wochenendschichten organisiere ich mit meiner Mutter, die Arbeitszeiten sind so, dass ich den ganzen Nachmittag mit meinen Kindern verbringen kann. Und ich bin vom Amt weg!“.

Wenn die Tochter in der Schule erzählt: „Meine Mama arbeitet, die hilft alten Menschen“, macht das nicht nur die Tochter stolz. „Ich möchte meinen Kindern und mir ein besseres Leben ermöglichen. Ich habe ja jetzt eine kleine Ausbildung!“. In ein paar Jahren, wenn auch das kleinere Kind größer ist, will sie vielleicht noch eine ‚große Ausbildung’ als Pflegefachkraft machen. Ein näheres Ziel ist aber der Führerschein: „dann könnte ich auch die Auto-Touren übernehmen, wenn mal eine Kollegin ausfällt“

In der Rückschau während des Gespräches fällt irgendwann der überraschte Satz: „Man sollte vielleicht öfter mal darüber nachdenken, was man alles so geschafft hat und sich auf die Schulter klopfen“.

Nach Träumen gefragt, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich will mal mit meinen Kindern Urlaub auf Hawaii machen!“. Dann blickt sie aus dem Fenster des Spandauer Hochhauses über die ganze Stadt, lächelt und sagt: „Obwohl, gucken Sie mal. In Amerika würde man ein Heidengeld für so eine Aussicht bezahlen“.