Nadine: „Ich wollte endlich einen geregelten Job haben“

Nadine , 35, Auszubildende im Einzelhandel

 

 

Mit 30 ist Nadine bereits Friseurin, Aushilfe im Verkauf und Kellnerin gewesen. Immer ist sie gleichzeitig „die Stimmungskanone“ und „die Ungelernte“.

Denn im erlernten Friseurberuf wollte sie nicht arbeiten. Erworben hatte sie in der Ausbildung mehr Fähigkeiten als Haareschneiden: die Chefin verhilft dem schüchternen Mädchen zu Selbstsicherheit und dem Mut, offen auf Leute zuzugehen.

Mit 18 verdingt sich Nadine im Einzelhandel. Beratung, Verkauf – das liegt ihr: „Einzelhandel hat mir Spaß gemacht!“. Als Ungelernte kommt sie in Zeitverträgen unter. Nach drei Jahren sind die fortwährenden Befristungen ermüdend und desillusionierend. Und obwohl sie strahlt: „Ich hatte wirklich ein Händchen dafür – egal ob es um Krawatten oder die richtigen Dübel ging!“, gibt sie die Branche auf und  sucht eine neue Herausforderung mit Aufstiegsmöglichkeiten.

Ein unerfüllter Wunsch ist die Gastronomie. Sie bewundert ihre Tante, die Teller balanciert, Bestellungen sortiert und lebendig Tabletts und Teller durch Restaurants manövriert. Mit ihr übt Nadine und hat nach dem ersten Vorstellungsgespräch in einem Sternerestaurant gleich 12 Jahre in der Gastronomie bei wechselnden Arbeitgebern vor sich. Acht davon in Berlin.

Sie arbeitet sich hoch: in einem Nachtlokal übernimmt sie sogar die Vertretung für den Chef. Verantwortung und Organisationstalent sind gefragt – Nadine liefert. „Das war eine tolle Zeit!“. Aber sie ist immer auf der Suche. Mit 24 zieht es sie nach Berlin. In einem Café Unter den Linden findet sie nette Kollegen, fordernde Aufgaben, Anerkennung. Aber auch: völlig entgrenzte Arbeitszeiten ohne sicheren Feierabend, Blasen an den Füßen und Arbeit bis zur totalen körperlichen Erschöpfung.

Als sie 25 ist, fällt der Vater ins Koma und stirbt nach einem halben Jahr. Nadine verdrängt und „gibt Stoff“: mehr Arbeit, mehr Ablenkung, weniger Nachdenken. Als ihr Körper schrittweise seine Leistung einstellt, merkt Nadine, dass zur unverarbeiteten Trauer um den Vater nun auch noch die Kindheit(sdämonen) der ablehnenden Mutter an die Oberfläche drängen. Sie hat massive Konzentrationsprobleme, kellnert plötzlich nur noch mit Zettel, ist nach drei Bestellungen so erschöpft wie sonst erst am Ende der Schicht. Drei Jahre hält sie so durch. Dann schickt ihre Chefin sie nach Hause. Burn out. Zu viel. Nadine das Stehaufmännchen ist ausgebrannt.

„Ich habe mich zwei Jahre komplett zurückgezogen“. Sie holt sich Hilfe. Die Tage bestehen aus Therapie, kleinen Haushaltsaufgaben und Spaziergängen, wenig Kontakten und viel Selbstwahrnehmung. Die Einsamkeit aus der Kindheit ist wieder da. Sie spricht wenig.

Als sie stabiler ist, gewichtet Nadine ihre Ziele neu. Die Kriterien für eine Arbeit: Kontakt zu Menschen, geregelte Arbeitszeiten, planbare Feierabende, auch mal freie Tage. Der Abschied von der Gastronomie ist besiegelt. Sie will wieder in den Handel.

Für den Wiedereinstieg absolviert sie eine Weiterbildung im Verkauf bei Goldnetz: „Der Kurs hat mir sehr viel gebracht, um auch wieder ins Leben zu kommen. Ich kann wieder auf Leute zugehen“.  Sie hat das Lernen wieder gelernt und ist nach der eigenen Erfahrung überzeugt, dass es dabei egal ist, wie alt man ist, wie gut man in der Schule war oder wie lange es her ist.

Nadine widersetzt sich den Ratschlägen für Standardbewerbungen und schreibt offen von ihren beruflichen Erfahrungen, von ihrer Auszeit und deren gesundheitlichen Ursachen. Sie bekommt als eine der ersten einen Praktikumsplatz. Die Verkaufsleiterin bedankt sich für Nadines Aufrichtigkeit. Bald sitzt Nadine an der Kasse. Nur eine Woche später bietet ihr die Chefin eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau an. Sie greift sofort zu, trotz 34 Lenzen und kargem Lehrgehalt: die finanzielle Perspektive und Aufstiegsmöglichkeiten lassen sie beim Erzählen strahlen.

Ihr Wille, die neue Basis und auch Zukunftsängste haben sie zum Weitermachen motiviert. Sie konnte sich nicht vorstellen, noch länger arbeitslos zu sein.

Ein Wunsch für die Zukunft ist eine schönere Wohnung – aber sonst? „Es ist alles offen. Ich lebe heute, was ich früher hätte machen wollen und fühle mich damit unglaublich wohl!“. Sie lacht. Sie hat geweint. Sie geht Ihren Weg. Bald als „Gelernte“.