Rahel K .: „Harte Zeiten gehören aber auch dazu.“

Was machst Du heute beruflich?
Gründerin und Inhaberin von LASHOPP, einem kleinen Laden in Friedrichshain, in dem ich Handgefertigtes aus vielen unterschiedlichen Materialien verkaufe. Wir bieten auch große Nähkurse und kleine Workshops an, in denen man seine eigene Handfertigkeit  ausprobieren und verbessern kann.

 

Wie hast Du Dich weitergebildet?
Nach der 12ten Klasse habe ich das Wirtschaftsgymnasium vorzeitig verlassen weil ich sofort mit der Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin anfangen wollte. Danach habe ich mit einem Stipendium des Leonardo-Da-Vinci-Projekts eine Weiterbildung in Barcelona in der Kategorie Schnittkonstruktion gemacht. In Barcelona habe ich Kenntnisse über den Ablauf in großen Modebetrieben erfahren können, während ich 1 Jahr lang in dem Prototypen-Design-Center einer globalen Modefirma mitgearbeitete habe. Aber hauptsächlich basiert mein Wissen auf „Ausprobieren und Umsetzen“.

 

Welche Etappen gab es bisher in deinem (Berufs-)Leben und wie haben sie Dich beeinflusst?
Beeinflusst haben mich am Meisten die Praktika in den verschiedenen kleinen kreativen Frauenunternehmen. Auch sehe ich mein Leben geprägt von der Weiterbildung im Ausland, denn einmal das Spanische ins Herz geschlossen, habe ich mehrere Jahre mein Leben in Spanien fortgesetzt und dort meine beruflichen Erfahrungen als Ausländerin und sprachlich Benachteiligte gesammelt. In 1,5 Jahren in Mittelamerika habe ich zuerst in einer Familienschneiderei in Panama gearbeitet und die Schuluniform fürs ganze Land mit hergestellt (übrigens zuerst für einen gängigen Stundenlohn von 2 Dollar, später habe ich mich verbessert und 2 Dollar pro gefertigtes Stück kassiert), danach im Nachbarland Costa Rica zuerst im Souvenirladen als Verkaufskraft ausgeholfen, später für den Verkauf eigene Bekleidung genäht. Nach einem Streit mit der Inhaberin habe ich meine eigenen Produkte im Dorf verkauft – was traumhaft funktioniert hat. Da ich keine eigene Nähmaschine hatte, habe ich Postkarten vom Dorf gemalt und verkauft. Schnell hatte ich meinen Tag voll mit Auftragsarbeiten weil alle lokalen Unternehmer ein Portrait ihres Geschäfts haben wollten, sowie Karten davon für ihre Kunden in großen Auflagen. Auch etliche Flyer und Werbeannoncen habe ich in der Zeit für meine Gegend entwickeln dürfen. Das war meine erste Erfahrung als Selbständige mit 23 Jahren. Hochmotiviert wie einfach das Leben ist, bin ich weitergereist nach Brasilien. Doch leider war es nie wieder so einfach wie am Anfang. Kundenakquise in fremden Ländern hat sich als ziemlich hart herausgestellt und ich bin auch ausgelacht worden für mein Angebot. Harte Zeiten gehören aber auch dazu.

Trotzdem habe ich gelernt, was es bedeutet, für mein eigenes Einkommen verantwortlich zu sein, mich nicht entmutigen zu lassen, sondern kreativ zu werden, wenn es aussichtslos erscheint. Im Amazonas habe ich für den Gegenwert einer Dose Bier Portraits gemalt. Ich freue mich immer, wenn ich mit nichts anderem als meinen eigenen Händen das Geld für die nächsten Wochen verdient hatte.
Wer oder was hat dich auf deinem Weg motiviert?
Leider niemand anderes als ich selbst. Was ich in Lateinamerika geschafft hatte, wollte ich in Deutschland ebenfalls. Mit der Unterstützung meines reichen Heimatlandes. Von meinem Plan, in Berlin ein Schaufenster zu haben, indem ich alle meine selbstgemachten Sachen der Öffentlichkeit anbieten kann, wollte meine Familie nichts wissen. Zu Wohnungs- und Ladensuche und dem Ausfüllen der Formularberge kam die Arbeit, die zu einer Geschäftseröffnung gehört: wie Produktion der ersten Waren, Logodesign, Flyer, Einrichtung kaufen… und die Kosten! Trotzdem konnte ich mit meinem angesparten „Startkapital“ von 3000 Euro alles meistern, eben langsam. Manchmal erinnere ich mich dann auch was meine Familie mir prophezeit hatte: Dass nur weil man ein Schaufenster hat, nicht gleich alles verkauft wird. Aber ein Zurück gibt es nicht. Mittlerweile verstehe ich zwar die Statistik, dass 70% der Jungunternehmer noch im ersten Jahr aufgeben. Aber auch diese Hürde habe ich schon geschafft. Mein LASHOPP feiert im Februar 2 Jähriges Bestehen. JUHUUU!  Und auch wenn ich mir noch keinen schöneren Lebensstandard leisten kann und noch immer keinen Tag frei habe, weil Angestellte noch unbezahlbar sind, bleibe ich OPTIMISTIN. Denn nur so funktioniert Selbständigkeit.

 

Wie stellst Du Dir Deine berufliche Zukunft vor?
Ich würde mir bei der Umsetzung aller Unternehmenstätigkeiten mehr Hilfe wünschen. Ob Onlineshop, Produktfotos, Website, Vorbereiten der Nähkurse und Workshops, der Kundenpflege oder oder oder …

Ich wünsche mir, mit weniger Zeit mehr Gewinn erwirtschaften zu können und als Inhaberin eines  kleinen Handwerkladens mich und meine Familie (irgendwann mal hoffentlich) ernähren zu können. Ganz ohne im Billiglohn-Ausland produzieren zu lassen und zu lokalen Höchstpreisen weiterzuverkaufen.

Hätte ich mehr Zeit, würde ich gern eine Stiftung für Menschen im lokalen Handwerk gründen. Also zumindest, wenn ich in meinem Leben nochmal was anderes machen werde als 7 Tage die Woche meinen LASHOPP zu werkeln.

 

Jungunternehmerinnen sind sexy und investieren nicht nur in ihre eigene Zukunft sondern bauen ihre eigene Altersvorsorge Stück für Stück auf.