Tina – Ich bin unerträglich, wenn ich nicht arbeite!

Tina wirkt klein und zart, doch schon nach kurzer Zeit ist klar, dass der Eindruck täuscht. „Man sollte sie nicht unterschätzen“, sagt sie über ihre Patienten. Dasselbe trifft auch auf sie zu. Eine Frau mit Herz, Schnauze und voller Energie.

Das braucht sie auch, in „ihrer WG“ – ihrer Arbeitsstelle. Eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke im Endstadium. Tina ist seit einem halben Jahr Pflegerin, Vollzeit. Sie ist jetzt 31, lebt mit ihrem neuen Mann, zwei Kindern aus erster Ehe und einem „lieben Hundemädchen“ in Ludwigsfelde. Ein geordnetes heiles Leben. Klingt langweilig – ist es aber nicht: Ausbildung abgebrochen, sechs Jahre Erziehungszeit, Scheidung, 400€-Jobs, AlgII – auch das gehört zu ihrem Weg.

Auf die abgebrochene Ausbildung folgten ein Wegzug mit dem Partner, der Start der Familienphase mit Heirat und Geburt zweier Kinder sowie der Einstieg in einen 400€-Job. Ein klassisches Familienmodell mit dem Mann als Haupternährer und der Frau als Mutter und Hausfrau, die sich etwas dazuverdient. Geht so eine Beziehung in die Brüche, stehen die Frauen häufig mit nichts weiter da als ihren Kindern und einem Antrag auf ALGII – HartzIV.

Diese Erfahrung machte auch Tina. Nach der Trennung zog sie zurück in die Heimat. Sie wollte für ihre fünf- und zweijährigen Kinder da sein und arbeitete zusätzlich als Bürokraft, Kassiererin oder Reinigungskraft. Da war sie gerade 25.
Nach einigen Jahren wurde der Wunsch nach einer festen Arbeitsstelle größer. Anknüpfend an den ersten Berufswunsch Krankenschwester erkundigte sie sich nach Weiterbildungen im Pflegebereich. „Ein Gefühl wie beim aller-aller-ersten Vorstellungsgespräch“ überkam sie am ersten Tag, das bald von neuen Freundschaften, Diskussionen über Dozenten und Anatomie abgelöst wurde. Tina erarbeitete sich eine eigene berufliche Perspektive: Bei Goldnetz erwarb sie mit 30 Jahren die erste Qualifikation nach dem Schulabschluss, die ihr auch bescheinigt wurde. Mit ihrem neuen Pflegebasisschein fand sie umgehend eine Vollzeit-Stelle. Nicht zuletzt Dank einer „kunterbunten Bewerbung“ und einem großen Foto mit ihren pinken Haaren auf dem Deckblatt. Der neue Chef war begeistert über frischen Wind und Kompetenz, die Chemie stimmte. Aus dem verpflichtenden Praktikum wurde eine Berufstätigkeit in „ihrer WG“.

Ihr Ziel „etwas mit Menschen“ zu machen, hat sie erreicht. Sie mag die Alten. Lächelnd sagt sie „Es sind immer die Gleichen, ich bin jeden Tag jemand Anderes“, und erzählt, dass sie einfach mitspielt, wenn die Bewohner Züge durchs Zimmer fahren sehen oder auf der Havel ein unsichtbarer Hochseedampfer ablegt. „Es ist interessant und immer was los. Aber wenn ich ehrlich bin, ich möchte nicht so alt werden und die Krankheit kriegen. – Das arme Pflegepersonal!“, sagt sie lachend.

Natürlich sagt sie auch, dass es anstrengend ist und sie ihre Kinder weniger sieht. 40 Stunden pro Woche, Überstunden, Wochenenddienste, das fordert ihren Einsatz. Aber ihre Berufstätigkeit tut allen gut: „Ich bin unerträglich, sagt meine Familie, wenn ich nicht arbeite. Weil ich dann an Allem was auszusetzen habe“.

Tina hofft, dass es ihren Söhnen einmal besser gehen wird. Sie mehr Glück mit einer Ausbildung haben. Stolz erzählt sie, der große Sohn sei sehr gut in der Schule, habe eine Klasse übersprungen. Dabei sieht sie erleichtert aus. Unangenehmes möchte sie für sich behalten, sie ist keine, die jammert. Sie sagt nur: „Es passiert heutzutage viel zu viel. Man darf sich einfach nicht unterkriegen lassen!“.