Virginia: „Es gibt viele Wege und viel Hilfe!“

Virginia, 20, Auszubildende zur medizinischen Fachangestellten

Was machst Du beruflich?
Ich bin zurzeit im 3. Lehrjahr zur medizinischen Fachangestellten.

Was auf Deinem Weg war schwer und warum?
Ich komme aus einer Familie mit großen Problemen: Mein Vater ist Alkoholiker, den Kontakt zu meiner Mutter habe ich abgebrochen. Mit 13 kam ich das erstemal in eine Psychiatrie. Die 8. Klasse habe ich gerade so geschafft. Dann wechselte ich auf eine Krankenhausschule mit einer Klassengröße von 4 Schülern. Dann das zweite mal Psychiatrie. Depressionen, Magersucht und selbstverletzendes Verhalten begleiten mich, fressen mich auf. Meine Mutter ist keine große Hilfe, meine Oma der geliebte Mutterersatz. Mein Vater ist ein sogenannter Quartalstrinker. Wenn er nicht trinkt, ist er der beste Vater den ich mir wünschen kann. Leider begleiten ihn selbst Depressionen und finanzielle sowie berufliche Probleme. Dadurch greift er zur Flasche,  beginnt eine Therapie und wird wieder rückfällig. Er bricht mir das Herz durch seine Sucht. Die schulische Perspektive war sehr schlecht für mich. Zu groß sind die Probleme zuhause. Ich kann mich nicht konzentrieren und traue mich durch mein geringes Selbstwertgefühl nicht, mich mündlich am Unterricht zu beteiligen. Zu groß ist die Angst davor ausgelacht zu werden. Der zweite Aufenthalt in der Psychiatrie folgt und direkt danach lande ich im Heim. Ich nehme für kurze Zeit Drogen, um meinen Problemen zu entfliehen und mache meinen MSA an der Krankenhausschule der Psychiatrie. Innerhalb von 2 Schuljahren schaffe ich es den gesamten Schulstoff nachzuholen sowie meinen MSA mit 2,2 zu erreichen. Ich bin weiterhin in ambulanter Therapie. Meine Eltern ließen sich scheiden. Mein Bruder zog zu mir in das Heim. Dann wechselte ich die Schule und machte die gymnasiale Oberstufe. Ich zog während der 11. Klasse in eine WG, die vom Heim aus betreut wurde. Von da aus ging es mit 17 Jahren in die eigene Wohnung. Ich musste lernen alleine mit meinen finanziellen Mitteln klar zukommen.  Die Schule war sehr anstrengend. Also entschied ich mich, endlich in das Berufsleben einzusteigen und meine Miete selber zu finanzieren. Ich brach das Abi nach der 12. Klasse ab. Ich begann eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Ich hatte große Angst Auszubildende zu sein. Ich wollte lernen und nicht nur Klos putzen. Aber ich hatte Glück: Ich fand eine super Praxis mit kleinem Team. Ich werde nie wie ein Azubi behandelt, sondern wie eine richtige Kollegin. Mein Vater fand eine neue Freundin und zog nach Niedersachsen. Seit 2 Jahren ist er trockener Alkoholiker und ein toller Vater. Ich beginne jetzt mein 3. Lehrjahr. Der Job macht mir viel Spaß. Nach Beendigung der Ausbildung habe ich mein Fachabitur in der Tasche und möchte studieren. Am liebsten Medizin. Nur reicht mein NC leider nicht und wie finanziere ich mein Studium? Ohne Hilfe der Eltern?
 
Was ist Dir gut gelungen?
Ich hab meine Probleme verarbeitet. Ich habe einen MSA sowie das Fachabitur erreicht obwohl es aussichtslos erschien. Ich wohne in meiner eigenen Wohnung seit ich 17 bin. Ich habe viel Lebenserfahrung gesammelt und mich durchgeschlagen.
 
Welche Rolle spielt Bildung in Deinem Leben?
Eine sehr große. Ich bin intelligent, doch konnte ich das lange Zeit nicht beweisen, weil ich so große Probleme hatte. Ich möchte unbedingt viel erreichen und einen wichtigen Beruf haben.
 
Wer oder was hat Dir die Kraft gegeben?
Meine Therapeutin. Sie hat mich nie nur wie eine Patientin behandelt. Mein Freund war eine riesige Hilfe und meine Betreuer.
 
Was rätst Du anderen in einer beruflich schwierigen Situation?
Das Ziel vor Augen zu haben. Es gibt viele Wege und viel Hilfe!
 
Was willst Du sonst noch erzählen?
Meine Geschichte hat eher mit der schulischen Bildung zu tun, jedoch ist diese ja die Voraussetzung für den beruflichen Weg. Ich hoffe damit anderen Mut zu machen!