Alejandra – Ich bin weiter!

Ihre Begeisterungsfähigkeit ist lateinamerikanisch. „Ich bin immer beschäftigt!“, ruft Alejandra lachend und es klingt, als ob es nichts gäbe, was sie glücklicher machen könnte.

Sie hat schon mehrere Leben hinter sich: als Schülerin und Kunststudentin im inflationsgeschüttelten Argentinien, als Migrantin im Berliner Wedding der 90er Jahre, als Mutter zweier Töchter und Mitinhaberin einer Bäckerei auf den Canaren. Seit 2008 lebt sie wieder in Berlin und arbeitet seit 2012 als Stationshelferin in der Neurochirurgie der Charité.

Mit 20 trampte sie 1600 km durch Argentinien, um ihren bis dato unbekannten Vater zu finden – sie wollte heiraten, ihre Mutter war dagegen, Alejandra brauchte eine Unterschrift. Sie setzte sich durch. Mit ihrem frisch angetrauten Mann kam sie nur wenige Tage vorm Mauerfall nach Berlin, er hatte Verwandtschaft in Deutschland. Sie jobbte hier, war Tagesmutter, Reinigungskraft und Kellnerin. Immer wieder gab sie Kunstkurse für Kinder. Bald wurde die erste Tochter geboren. Doch das Heimweh nach Buenos Aires oder zumindest nach einem wärmeren Ort begleitete sie die ersten Jahre in Berlin.

Mitte der Neunziger erhielt die Familie das Angebot, auf der kleinsten Canaren-Insel die Bäckerei eines Freundes zu übernehmen. Die sonnenhungrige dreiköpfige Familie ergriff die Gelegenheit und führte die nächsten 12 Jahre ein geordnetes Leben. „Das war ja ganz schön da. Aber auf El Hierro gab es nur ein Kino. Und das war zu! Mein Leben bewegte sich immer nur zwischen Haus, Laden und den Kindern“. Es gab keine weiteren Anregungen außer der Kundschaft, der Sonne und dem Meer. Für viele Städter ein Traum. Aber nach einer Überdosis Sonne, Meer und Langeweile begann Alejandra sich zu fragen: „Was mache ich hier eigentlich?! Ich komme aus Buenos Aires! Das ist eine Millionenstadt!“. Sie wollte gern wieder zurück nach Berlin, der Ehemann nicht.

2008 hatte sie ihren Mann von einem Umzug nach Berlin überzeugt. Kurz nach der Ankunft wurde die unharmonische Beziehung zu einer gewalttätigen und Alejandra ging mit ihren 10- und 16-jährigen Töchtern für zwei Monate in ein Frauenhaus. Sie fand eine Wohnung, richtete sich ihr Leben neu ein. „Mit der Unterstützung habe ich das geschafft. Ich bin sehr dankbar dafür, was es in Deutschland für Hilfestellungen gibt“. Deutsch- und EDV-Kurse sowie ein Kurs als interkulturelle Begleiterin der Kinder-und Jugendarbeit verhalfen ihr auch zu einer neuen beruflichen Perspektive: Grundschullehrerin für Kunsterziehung. Sie scheiterte an der fehlenden Anerkennung ihres argentinischen Studiums und der Kinderkunstkurse, die sie immer wieder gegeben hatte. Sie sollte nochmal studieren, in Deutschland. Alejandra war sich sicher: „Ich bin zu alt dafür. Ich will arbeiten!“. „Ich habe verstanden, dass ich damit hier kein Geld verdienen kann. Von privaten Kursen kann ich nicht leben. Ich wäre immer auf staatliche Unterstützung angewiesen“.
Das Jobcenter vermittelte ihr die CHANCE – ein Projekt, in dem gezielt Stationshelferinnen für die Charité qualifiziert werden. Eigentlich nicht ihr Traum. Und wieder ein Krankenhaus. Aber als sie von der Arbeit dort erzählt, geht ihr Strahlen wie die Sonne auf: „Ich fühle mich da so wohl! Ich war früher immer empfindlich, wenn ich Blut oder Wunden gesehen habe. Aber hier“, sie schnipst mit den Fingern, „ist das überhaupt kein Problem! Im Gegenteil, mir macht das Spaß mit den Patienten! Ich bin selber ganz überrascht. Es ist, als ob ich das schon immer gemacht hätte!“. Alejandra wird nachdenklich. Vielleicht hätte sie ganz gern auch „sowas wie Karriere“ gemacht. Sie habe immer das gemacht, was sich gerade angeboten hätte. „Ich bin nie bei einer Sache geblieben. Aber ich habe so viele schöne Erfahrungen gemacht, die ich verpasst hätte, wenn ich in einem Land und bei einer Sache geblieben wäre“. Aber sie wäre nicht Alejandra, wenn sie verharren würde. Sie möchte noch weiterkommen „Ich würde mich gern noch weiter qualifizieren. Erst Erfahrungen sammeln auf Station und dann vielleicht noch eine Ausbildung als Pflegekraft machen. Ich bin jetzt schon weiter. Das motiviert!“.