Andreas

PATIENTENSERVICE

 

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Andreas´ „3K“: Katheder, Krankenschwestern, Kardiologen. Der alleinerziehende Vater arbeitet in der Charité. Er bestellt Material, bestückt die Räume mit Material und ist „die gute Seele“ der Untersuchungseinheit. „Wenn was ist – Andreas fragen“: er ist einer, der anpackt und zuhört.

Hätte er sich früher vorstellen können, dass er mal in einem Krankenhaus arbeitet? „Nee! Auf keinen Fall!“, sagt er, lacht und erzählt von Arbeiten auf dem Bau, in der Küche, im Sicherheitsgewerbe. Er hat schon Bagger gefahren, Post sortiert, Autos verschrottet, Kinder betreut und Gemüse geschnippelt.

Er hat keine Ausbildung, beinahe nicht mal einen Schulabschluss. Als Großstadt-Teenie gerät er auf die falsche Bahn, nur eine Pflegefamilie auf dem Dorf rettet ihm die berufliche Zukunft. Der Großstadt-Punk auf dem Trecker – als 15jähriger findet Andreas es einfach nur „außerordentlich schrecklich“. Aber mit 18 hat er den Hauptschulabschluss in der Tasche. Eigentlich will er Erzieher werden. Seine Liebe zur Schule hält sich aber nach wie vor in engen Grenzen – die mittlere Reife fehlt und 5 Jahre Ausbildung sind ihm zu lang. Er nimmt die zweite Wahl: eine Ausbildung zum Koch. Doch im November ´89 hält ihn nichts mehr im Dorf – er geht zurück nach Berlin und bricht ab: „Die Mauer fällt, die Mauer fällt! Ich will dahin, ich muss dabei sein!“.

Eine Odyssee durch die Niedriglohnbereiche der Hauptstadt folgt, Andreas nutzt jede Gelegenheit: Automobil-Produktion, Abrissarbeiten in asbestverseuchten Häusern, Küchenhilfe in Kantinen und Restaurants, Abschleppdienste. „Ich habe bestimmt 30 verschiedene Jobs gemacht“, mit oft schlechten Arbeitsbedingungen, mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und für wenig Geld. Danach jobbt er elf Jahre im Sicherheitsdienst. Er heiratet, wird zweifacher Vater. Es funktioniert leidlich, er arbeitet viel, auch nachts, sie leben sich auseinander, sieben Jahre nach der Eheschließung folgt die Scheidung. Die Exfrau zieht mit den Kindern nach Norddeutschland. Andreas jobbt weiter.

Jahre später droht sein Sohn in die Fußstapfen des Vaters zu treten: Schulprobleme, Probleme zu Hause, schlechte Noten. Andreas nimmt den 11jährigen zu sich: „Ich dachte nur: der darf nicht nach mir kommen! Wir müssen da was machen“. Er gibt die Arbeit in der Sicherheitsbranche auf und fragt im Jobcenter nach Unterstützung. In einem Kurs für Alleinerziehende wird er selbstbewusster, „ich habe ja jetzt absolut kein Problem mehr damit, in der Gruppe zu sprechen!“, sucht eine berufliche Perspektive, die er bei den veränderten Bedingungen umsetzen kann. Er erfährt, dass Goldnetz für die Charité Mitarbeiter/innen im Patientenservice qualifiziert. „Irgendwie wusste ich, dass ich der Richtige dafür bin“, sagt er und schreibt sich ein. Er lernt Krankenhaushygiene, Krankheitsbilder, Pflegegrundkenntnisse. Den Krankenhausalltag findet er spannend, macht ein Praktikum auf der Neurologie, erlebt wie dankbar die Patienten sind und wie hilflos man sich fühlt, wenn es ihnen schlecht geht. Er sortiert Wäsche, sorgt dafür, dass eine junge Patientin nicht den Mut verliert und wegen schwerer Erkrankung das Abi hinschmeißt, sorgt dafür, dass ein abgemagerter Patient endlich isst. Er ist wirksam. Er merkt, dass er das kann, mit Menschen kann. Dass er den Patienten hilft und das Team der Fachkräfte entlastet. Da wird ihm klar: „Ich will gar nichts anderes mehr machen. Ich will im Krankenhaus bleiben“. Er bewirbt sich. Er wird nicht für den Patientenservice übernommen, aber im Herzkatheder-Untersuchungsbereich.

Im Februar 2015 ist seine Tochter auch zum Vater nach Berlin gezogen. Seine Kinder sollen am liebsten Abi machen, sagt Andreas. Die Tochter büffelt bereits für ihren MSA. Sie hat sich schnell eingewöhnen müssen in die neue Umgebung und die neue Schule. Andreas hilft, so gut er kann. Vor allem will er für die Kinder ein Ansprechpartner sein, das ist ihm sehr wichtig. „Man lässt Kinder nicht allein“, sagt er. Und wie gestaltet sich die Freizeit des zweifachen Vaters? „Langsam hab ich sie ab und zu wieder. Dann bin ich gern in unserem Garten und dort trifft sich auch der Rest der Familie. Da kommen wir alle zusammen!“

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