Gerhild

ANWALTSSEKRETÄRIN UND SÄNGERIN

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Gerhild arbeitet als Anwaltssekretärin, hat drei Töchter und ist seit zweieinhalb Jahren alleinerziehend. Ihre Leidenschaft gilt der Musik, sie ist freiberufliche Sängerin.

„Das ist mittlerweile ein wichtiger Nebenverdienst für mich,“ sagt die 46-Jährige. Den Job beim Anwalt übt sie in Teilzeit aus, damit sie Zeit für die Familie hat. April, die älteste Tochter, ist zwar schon 19, aber natürlich braucht auch sie noch die ein oder andere Unterstützung beim Suchen eines WG-Zimmers und manch anderen alltäglichen Hürden. Mit Mirjam (16) und Liv (8) wohnt Gerhild am Rande eines Parks in einer kleinen gemütlichen Wohnung mitten in Berlin.

Vor zweieinhalb Jahren ist Gerhild nur mit der jüngsten Tochter aus der Familienwohnung ausgezogen; die beiden älteren wollten beim Vater bleiben. Doch als dieser die große Wohnung nicht mehr halten konnte, standen die beiden großen Mädchen bei der Mutter vor der Tür. Viel zu organisieren gab es da plötzlich – nicht immer einfach für die dreifache Mutter.

Gerhild wuchs in Brüssel auf. Sie ist nach dem Abitur nach Berlin gegangen, um eine Hotelfachausbildung zu machen. Nach Abschluss der Lehre sattelt sie bald um und arbeitet in einer Anwaltskanzlei. Als die erste Tochter noch kein Jahr alt ist, wollen Gerhild und ihr Mann komplett aussteigen. Am liebsten wären sie nach Brasilien gegangen, doch das Geld geht schnell aus und die Berliner Realität holt sie ein. Als die zweite Tochter dann anderthalb ist, geht Gerhild wieder arbeiten – in verschiedenen Jobs. Sie schlägt sich mehr oder weniger durch und nach mehreren Jahren in unerfüllten Arbeitssituationen, steigt Gerhild erneut bewusst aus dem Arbeitsleben aus. Sie entscheidet sich, in Vollzeit ihre Kinder zu erziehen. Die beiden Mädchen sind damals Schulanfänger und Gerhild will die Kinder bestmöglich beim Einstieg in diese Lebensphase unterstützen.

„Wir hatten dann einen Lebensstandard unter Hartz IV-Niveau. Ich wollte dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen und konnte somit keine Leistungen beziehen,“ erzählt Gerhild ehrlich. Diese Lebensumstände sind für die Familie nicht leicht. Die Lebenskosten werden mit zunehmendem Alter der beiden Töchter immer höher und dann kommt auch noch die kleine Nachzüglerin zur Welt. Gerhild erinnert sich: „Als Liv anderthalb Jahre alt war, wurde die finanzielle Situation unerträglich.“ Die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft hat ihre Spuren hinterlassen und die häusliche Situation wird auch immer unangenehmer. „Niemand schätzt das, was eine Vollzeitmutter leistet,“ sagt Gerhild, „und dann noch kein Geld. Das war zu viel. Und es versteht ja auch keiner: Wieso geht man nicht arbeiten, wenn man kein Geld hat? Also bin ich doch wieder arbeiten gegangen.“ Es dauert nicht lang und sie findet zunächst einen Minijob bei einer Rechtsanwaltskanzlei. Peu á peu wird Gerhilds Stelle aufgestockt und erweitert, so dass sie nun mit 24 Wochenstunden dabei ist, „…und da bin ich jetzt seit vier Jahren. Es ist der stabilste Job, den ich je hatte!“

Vom Singen erzählt Gerhild mit leuchtenden Augen, denn die Musik war schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens. Damals, 1989, als Berlins Mauer fiel, saß sie bereits mit der Gitarre inmitten der feiernden Menschen und sang Mauerlieder auf der Straße zusammen mit anderen bis tief in die Nacht. Dass sie damit jemals Geld verdienen könnte, hatte sie sich damals noch nicht ausgemalt. Nun verwirklicht sie ihren Traum – wenn auch erst einmal nur gelegentlich. Ihre Auftritte plant sie selbst, pflegt ihre Website und verschickt einen Newsletter an alle Bekannten und Interessierten. Auch hier muss sie momentan mehr investieren, als sie an Gagen herausbekommt. „…aber die Freude an dem, was man tut, zählt ohnehin viel mehr als jeder Euro,“ – das sagt Gerhild auch ihren Töchtern, damit sie sich von Anfang an einen Beruf suchen, der ihnen Spaß macht.

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