Rabia: „Cocuklarɪma örnek oldum!“

Ich bin meinen Kindern ein Vorbild!

Rabia hanim, 38, Hilfsköchin

 

Rabia ist mehrsprachig, berufstätige Mutter, sehr lebhaft und quasselt drauflos wie ein Wasserfall. Ihr ältester Sohn steht kurz vor dem Abi, der kleinere interessiert sich für Naturwissenschaften und Sport.  „Ich habe mich schon früh daran gewöhnt, dass zu Hause sitzen Faulheit bedeutet“, sagt die Frau, die als Kind nachts bei wenig Licht Tabak verarbeitet hat. „Wir haben immer gearbeitet“, sagt sie. In ihrem türkischen Dorf ging sie die üblichen fünf Jahre zur Schule, danach arbeitete sie in der heimischen Tabakproduktion. Als sie 18 war, wurde sie nach Deutschland verheiratet. Sie sprach kein Wort Deutsch, alles war neu.

Ein kurzer Deutschkurs half nur leidlich. Mit 21 war sie stolze zweifache Mutter – und litt darunter, sich kaum allein in der fremden Sprache verständigen zu können. Arztbesuche waren ein Graus, sie traute sich nur mit einem übersetzenden Schwager. Sprechen in der Öffentlichkeit – undenkbar. Sie wollte das ändern und erkämpfte sich drei Jahre später einen weiteren Deutschkurs, diesmal einen, der immerhin 9 Monate dauerte.

Die schüchterne Frau entwickelte sich konsequent weiter. 2006 war sie in einer Maßnahme, die Nähen mit einem Deutschkurs verband. Obwohl es ihr gefiel, schämte sie sich für ihr schlechtes Deutsch und traute sich kaum, unter Menschen zu sprechen: „Damals war ich noch sehr still. Heute bin ich viel freier!“.  Ihre eigenen genähten Kreationen fand sie aber so schön, dass sie sie sich selbst abkaufte, um sie verschenken zu können.

Rabia merkte, dass die Kurse halfen. Sie wollte verlängern – aber durfte nicht. Sie suchte eine neue Maßnahme. Sie lernte weiter Deutsch und erfuhr, wie sie den damals übergewichtigen Sohn gesund ernähren kann. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagend erzählt sie: „ich habe ihm immer alles gekauft, was er wollte: Chips, Cola, Süßigkeiten. Im Kurs sind wir einkaufen gegangen und haben uns die Inhaltsstoffe durchgelesen – ich war schockiert! Die Ernährung zu Hause habe ich dann komplett umgestellt“.

2010 beginnt sie bei Goldnetz eine Einstiegsfortbildung für Migrantinnen. Fünf Monate konzentriertes Lernen, Berufsorientierung, Frauen in einer ähnlichen Situation. Rabia genießt die Situation, sie packt der Ehrgeiz. Sie will Köchin werden, eine Umschulung machen. Der Damm bricht auch sprachlich: sie fasst Vertrauen, macht Späßchen, redet in der Gruppe. Ein völlig neues Lebensgefühl.

Sie beginnt ein Praktikum als Küchenhilfe bei einem internationalen Catereringservice und bereitet sich parallel auf die Zulassungsprüfung vor. Aber sie hat Angst – kann sie das schaffen? Mit nur fünfjähriger Schulbildung? Ihre Projektleiterin bei Goldnetz unterstützt sie, aber Rabia fällt durch. Sie wird nicht für die Umschulung zugelassen. Ihr Deutsch reicht noch nicht aus und auch die fünf Grundschuljahre Mathe tragen sie nicht. „Ich habe  2 Wochen durchgeweint“, erzählt sie traurig, die so strahlend ins Gespräch kam. „Manchmal finde ich es sehr schade, nur ungelernte Köchin zu sein. Aber dann denke ich wieder, es ist egal: denn ich bin in einer Arbeit. In einer Küche. Ich koche. Also bin ich doch irgendwie Köchin!“, die Stimmung schlägt um und sie lacht wieder, als sie von der Arbeit erzählt, den internationalen Gerichten, den internationalen Mitarbeiter/innen. Sie kocht türkisch, indisch, russisch, vietnamesisch.

Es war nicht leicht, diesen Job zu bekommen. Ein monatelanges Praktikum hilft ihr. „Ich habe durchgehalten. Obwohl meine Sachbearbeiterin mir keinen Mut gemacht hat: ‚Sie haben kein Zeugnis. Sie haben keine Erfahrung. Sie haben keine Bildung‘ , hat sie gesagt. Das tat weh, obwohl sie Recht hatte. Aber sie hat nicht an mich geglaubt“. Da will sie aufgeben. Einfach zu Hause bleiben. Nicht mehr kämpfen. Doch der Sohn sagt: „Wenn du kündigst, gehe ich nicht mehr zur Schule!“. Sie erschrickt. Und macht weiter. Schließlich wird sie nach einem halben Jahr übernommen. Vollzeit. Rabia ernährt die Familie. Sie bringt sich voll ein, ist flexibel und engagiert, geht als Springerin auch immer wieder spontan an verschiedene Tätigkeitsfelder. „Beim Arbeiten fiel es mir auch leichter, die Sprache anzuwenden“, heute begleitet Rabia Bekannte zu Ärzten, um zu übersetzen.

Sie ist erleichtert, dass die Söhne begriffen haben, wie wichtig Bildung ist. Das war früher anders. Ein Praktikum als Putzkraft im Supermarkt rüttelte den Großen wach. Nach einer Arbeitswoche, in der niemand grüßte und er zerschlagene Schnapsflaschen aufkehrte, kam er schockiert nach Hause und meinte: „Mama, ich muss Gas geben für meine Zukunft. Ich habe verstanden, wie wichtig Bildung ist“. Seitdem lernt er. Sie sind sich gegenseitig Vorbilder.

„Wissen Sie, ich komme aus einem türkischen Dorf. Es war alles sehr einfach. Ich kam her ohne Sprachkenntnisse. Mit so wenig Schule. Und ich habe es trotz allem geschafft, hier zu arbeiten, mit Kopftuch und ohne Abschluss. Wenn ich damals mit heute vergleiche, bin ich sehr, sehr stolz!“.